Cloverfield (2008) PDF Drucken
Saturday, 08. March 2008 02:00
Cloverfield

Cloverfield

Wer kennt sie nicht? Die freitagabendlichen Partys im stylishen Loft. Man trinkt, man isst Fingerfood ohne sich die Hände schmutzig zu machen. Der in Maßen konsumierte Alkohol lockert die Zungen genügend damit sich alle angeregt unterhalten, schäkern, Späßchen machen, aber keiner fängt an dummes Zeug zu reden oder Gläser umzuwerfen. Man wahrt die Contenance. Selbstverständlich sehen alle Gäste aus wie gerade vom Laufsteg geholt und gehen auf der Tanzfläche ab als würden sie für einen Auftritt mit Justin Timberlake trainieren.

Was? Noch nie auf so einer Feier gewesen? Das könnte daran liegen, dass es solche Momente kosmischer Heiterkeit vermutlich nur in Crunchchips-Werbespots, Teenie-Serien und Musikvideos gibt (Die Festivitäten russischer Ölmagnaten können hier mangels belastbarer empirischer Daten leider nicht evaluiert werden. Wir warten auf Einladungen. Zu rein empirischen Zwecken. Anschrift im Impressum. -Michael). Gerade eben eine solche Party ist aber der Ankerpunkt von J.J. Abrams' Monsterfilm "Cloverfield": In einer Manhattaner Prunkwohnung feiern erfolgreiche New Yorker Yuppies eine Abschiedsparty für einen der Ihren, dessen nächster Karrieresprung ihn nach Japan führen wird. Es menschelt kräftig zwischen den Partygängern, da allerorten Beziehungsprobleme zutage treten. Gerade als der Film droht sich einer Folge von "Dawson’s Creek" anzunähern, taucht aus den Fluten der New York Bay ein Ungetüm auf, das den Vergleich mit Godzilla nicht zu scheuen braucht. Das nun ausbrechende Chaos wird, wie der gesamte Film, à la "Blair Witch Project" mit einer einzigen Kamera aus der "Ich"-Perspektive erzählt.



Der Kniff mit dem Partyanfang und dem gehobene sozialen Status der Protagonisten ist dramatisch nachvollziehbar, steigert er doch die Fallhöhe. Wirklich geschickt ist er aber nicht, denn eine Identifikation mit den Charakteren wird so nicht gerade erleichtert. Die eher unbekannten Darsteller tun zwar ihr Möglichstes, die Überzeugungskraft ihrer Darbietung ist aber wohl mehr davon abhängig, ob man den Filmemachern die "Ich"-Perspektive "abnimmt" oder nicht. Der Star ist die Technik. Lizzy Kaplan als melancholische Schönheit, die sich auf Partys regelmäßig die Kante gibt und sich den Anmachversuchen des Kameramanns zu erwehren versucht ist dennoch auf jeden Fall sehenswert.

Mit Eintritt in die Monster-Flick-Phase nimmt der Film deutlich an Fahrt auf und das hohe Actionpotenzial der Kameraführung kommt voll zur Geltung. Als wollte Abrams Debatten über Intermedialität und die gewaltinduzierende Wirkung neuer Medien befördern, entfernt sich der Film vom Blair-Witch-Modell und zitiert die Bildsprache von Computerspielen. Ob Kampfszenen in düsteren U-Bahntunneln oder das mühsame Emporklimmen im Treppenhaus eines halb umgestürzten Hochhauses – wer jemals einen "First-Person Shooter" im Stil von „Half-Life“ oder „Call of Duty“ gespielt hat, wird sich hier wiedererkennen. Das ist ein durchaus geschickter Trick: Nicht jeder hat selber schon ein Heimvideo gedreht, und wenn, dann ganz sicher nicht über (para)-militärische Manöver in einer amerikanischen Millionenmetropole. In Videospielen haben die meisten solche Szenen hingegen schon "erlebt" – z.B. schmale Grade über gähnenden Abgründen überquert und Kleingetier mit behelfsmäßigen Waffen abgewehrt. Der Film zapft hier also nicht bloß Erinnerungen, sondern geradezu persönliche "Erfahrungen“ an.

Mit "Cloverfield" hat J.J. Abrams einen über weite Strecken sehr sehenswerten und innovativen Streifen hingelegt, der mit einer nicht übermäßig ambitionierten Spiellänge von 85 Minuten im genau richtigen Moment abtritt. Er ist gerade lang genug um die Möglichkeiten des Konzepts auszuloten aber (Coen-Brüder aufgepasst!) hütet sich davor Gimmicks und Storyelemente tot zu reiten und damit die Geduld des Zuschauers zu überfordern. Da „Cloverfield“ zudem noch kommerziell mega-erfolgreich läuft, dürfte MI:3-Regisseur Abrams, sofern sein im Mai anlaufender Star-Trek-Film nicht völlig absackt, seinen Ruf als verlässlicher Blockbusterlieferant auf absehbare Zeit festigen.

 

Originaltitel: Cloverfield. USA 2008, englische Sprache. Regie: Matt Reeves.
Darsteller: Lizzy Caplan, Jessica Lucas, T.J. Miller, Michael Stahl-David, Mike Vogel.
Deutscher Kinostart: 31.01.2008, FSK 12
Laufzeit: 85 Minuten.
IMDb - Wikipedia

 

 
Copyright © 2012 oneamongmany.net. Alle Rechte vorbehalten.
Joomla! ist freie, unter der GNU/GPL-Lizenz veröffentlichte Software.